Wie wir leben wollen

September 05, 2017 | Beitrag von Katrin de Louw

Die Gesellschaft wandelt sich stetig durch global wirkende Megatrends wie der Globalisierung, dem demografischen Wandel oder auch dem Streben zum gesunden und achtsamen Leben. Dadurch entstehen neue Werte und Lebensmodelle. 2018 wird die Einrichtungswelt vielseitig, ökologisch und flexibel mit Respekt gegenüber der Tradition und Herkunft.


K atrin de Louw ist Innenarchitektin und Inhaberin des TRENDFILTERS-Designzukunft für Möbel und Materialien. Darüber hinaus ist Sie Inhaberin und Initiatorin des servicepoint A30 – dem Materialtrendforum an der A30. Sie verantwortete 2017 zum 4. Mal die große Material- und Oberflächensonderschau auf der PIAZZA Materials & Nature, Interzum. Sie gilt als führende Trendexpertin für die Möbel- und Einrichtungsindustrie im deutschsprachigen Raum und schreibt auch für internationale Fachmagazine.

Wie definieren Sie den Begriff „Trend“, Frau de Louw?
Katrin de Louw: „Das Wort „Trend“ beschreibt immer eine Entwicklung und in der Regel keinen plötzlichen Zustand. Sie kennen das im Finanzwesen von den Börsenkursen. Das bedeutet, es ist eine Weiterentwicklung des Marktes, eine sich verändernde Entwicklung der Bedürfnisse des Konsumenten oder auch eine Designentwicklung, die sich von Saison zu Saison in Nuancen – geprägt durch unterschiedlichste Faktoren – unterscheidet und sich wandelt. Es gelingt also nicht, auf eine Messe zu gehen, um neue „Trends“ zu entdecken, denn der zeitliche Faktor fehlt. Ich kann nur über Designtrends reden, wenn ich weiß, wie die Vergangenheit aussah und ich eine Vorstellung davon habe, wie die Zukunft aussehen könnte. Beispiel: Wir haben viel Nussbaum auf der Mailänder Möbelmesse 2017 gesehen. Aber Italien ist traditionell ein Designland der dunklen Hölzer und zeigt seit vielen Jahren viel Nussbaum. Trotzdem war es in diesem Jahr etwas mehr als in den vergangenen Jahren.“

Wie entsteht denn ein Trend?
Katrin de Louw: „Also erst einmal ist es wichtig zu wissen, dass es viele verschiedene Arten von Trends gibt, die unterschiedlich lange Lebenszyklen haben. Da gibt es gesellschaftliche Megatrends, die länger als 50 Jahre laufen und unser Wohnen und Leben maßgeblich beeinflussen, wie z.B. die Globalisierung und die Digitalisierung. Aber wenn wir jetzt kürzer gedachte Design- und Konsumtrends in der Einrichtungsindustrie nehmen, so spielen sehr viele Faktoren aus den unterschiedlichsten Bereichen dabei eine Rolle. Im Wesentlichen geht es um die Bedürfnisse der Gesellschaft in Verbindung mit modischen Design- und Lifestyleaspekten und den Möglichkeiten zur Umsetzung durch Materialbeschaffung, Produktion und Vertrieb. Denn Trends können durch Nachfrage entstehen, aber auch durch große Unternehmen und Lifestyle-Ikonen, die Trends in den Markt drücken können. Einfach weil sie die Markt- und Marketingpower haben. Aber das funktioniert nur, wenn es zu den Bedarfswünschen der Endverbraucher auch passt.“

Wie behält man da den Überblick, welcher Trend entsteht und welcher eher floppt?
Katrin de Louw: „Eine gute Frage. Wir haben beim TRENDFILTER auch nicht die Möglichkeit, weltweit alle Design- und Innovationsmessen zu besuchen. Aber wir haben Kontakt zu verschiedenen internationalen Trendagenturen und sehen durch ein gutes Netzwerk in viele verschiedene Länder und Branchen. Auch arbeiten wir mit Markt- und Zukunftsforschern, deren Ergebnisse wir mit unserem Branchen- Know-how und Erfahrung bewerten können und somit unsere Prognosen erstellen. Auch der Austausch mit anderen Designern und Entwicklern aus der Branche in den Workshops führt immer wieder zu guten Erkenntnissen. Die Frage ist also immer: Passt die neue Entwicklung zu den aktuellen Design- und Lifestyletrends sowie den dazugehörigen Markt- und Konsumbedingungen? Viele Möbelhersteller machen oft den Fehler, technische Feature zu entwickeln weil es eine Innovation ist. Dabei braucht der Markt das nicht.“

Und der Nussbaum aus Mailand? Passt der in die aktuellen Lifestylewelten?
Katrin de Louw: „ Ja, es ist tatsächlich so. Wir sehen auch im Interieur wieder mehr Farbe durch mehr Textilien, u.a. durch eine zunehmende Multikulti-Gesellschaft. Und dazu passt der dunkle Nussbaum wunderbar als Kombinationsmaterial zu Farben, wie z.B. angesagten Blauoder Grüntönen. Auch haben wir die Formensprache des „Midcentury Designs“, also des Möbeldesigns, wie wir es aus der Mitte des letzten Jahrhunderts kennen: mit hohen Füßen und gerundeten Platten. Damals, in den 50er und 60er Jahren, war auch der Nussbaum ein Thema. Ein weiterer Aspekt ist die Wertigkeit und Langlebigkeit des Nussbaumes, die besonders bei der wachsenden Käuferschicht 50+ beliebt ist. Das Holz wächst außerdem in Europa und genügt somit auch ökologischen Aspekten, und der Trend zu Messing passt aus gestalterischer Sicht ebenso. Es sieht also alles in allem gut aus für den Nussbaum. Trotzdem sollten wir uns davon verabschieden, dass es nur einen Holztrend gibt. Diese Zeiten sind vorbei. Und der Gegentrend wartet schon in den Startlöchern.“

Und der Gegentrend wäre?
Katrin de Louw: „Na hell, jung, günstiger und passt gut zu Kupfer. Auch leichter wäre nicht schlecht, für den Online-Versand.“

Wie wird man eigentlich Trendexpertin?
Katrin de Louw: „Ich bin seit 20 Jahren in der Möbelzuliefererindustrie und für Materialhersteller als Designerin, Innenarchitektin und Marketingexpertin tätig. Als ich 1997 angefangen habe, habe ich bei den ersten Projekten bereits gemerkt, dass ich meiner Zeit in Designsprache und Materialwahl schon um Jahre voraus war. Ehrlich gesagt war das damals eine Katastrophe, denn entweder haben mich die Leute nicht verstanden (und für verrückt erklärt) oder es war viel zu früh für den Markt! Ich musste das Ganze auf professionelle Beine stellen und selbst lernen, wie der Markt funktioniert. Und trotz aller heutiger Professionalität in unseren Beobachtungen und Analysen, hilft mir noch immer mein gutes Bauchgefühl. Aber noch viel wichtiger ist meine Passion: Denn ich weiß, dass wir in Deutschland und natürlich auch hier in Ostwestfalen nicht nur gute Qualität und sichere Prozesse in der Möbelfertigung haben, sondern auch gutes Design machen. Das ist international aber noch nicht angekommen. Hier möchte ich der Einrichtungsindustrie Orientierungshilfe und Sicherheit geben.“