Megatrend Urbanisierung

August 09, 2018 | Beitrag von Katrin de Louw

Obwohl der Internetverkauf von Möbeln und Einrichtung weiter steigen wird, wächst der Bedarf an spezieller Beratung und individuellen Lösungen. Die Leute geben durchschnittlich mehr Geld pro Quadratmeter für die Einrichtung aus, denn der Platz muss optimal genutzt werden ...


K atrin de Louw ist Innenarchitektin und Inhaberin des TRENDFILTERS-Designzukunft für Möbel und Materialien. Darüber hinaus ist Sie Inhaberin und Initiatorin des servicepoint A30 – dem Materialtrendforum an der A30. Sie verantwortete 2017 zum 4. Mal die große Material- und Oberflächensonderschau auf der PIAZZA Materials & Nature, Interzum. Sie gilt als führende Trendexpertin für die Möbel- und Einrichtungsindustrie im deutschsprachigen Raum und schreibt auch für internationale Fachmagazine. In unserem Interview spricht Katrin de Louw über Urbanisierung und deren Folgen für den Möbelhandel.

Frau de Louw, das Thema Urbanisierung ist in aller Munde. Was bedeutet das genau?
Katrin de Louw: „Mit Urbanisierung wird der weltweite Megatrend bezeichnet, dass immer mehr Leute vom Land in Städte ziehen und dadurch ländliche Regionen immer mehr ausdünnen. Aktuell wohnen ca. 75 % der Deutschen in Städten, 30 % in Großstädten über 100.000 Einwohner. Das ist guter Durchschnitt innerhalb der EU. In der Regel wachsen die Großstädte, kleine Städte haben es da manchmal sehr schwer oder schrumpfen sogar. Das ist sehr unterschiedlich und ist unter anderem stark abhängig von der Arbeitsmarktsituation vor Ort.“

Was bedeutet das für das Wohnen in der Stadt?
Katrin de Louw: „Der Wohnraum in den Städten ist schon jetzt knapp, die Mieten horrend überteuert. Zusätzlich reden wir bei der Biophelie über den Wunsch, auch im urbanen Raum naturnah zu wohnen, das heißt, die wenigen verfügbaren Flächen konkurrieren noch mit urbanen Naturanbauprojekten. Die Politik empfiehlt den Städten, „nach innen“ zu wachsen, um wenigstens im Stadtgürtel Naherholungsgebiete zu ermöglichen. Das bedeutet, es entsteht überall Wohnraum, wo es denkbar ist: in alten Fabriken, ausgedienten Werkshallen, Schulen oder Kirchen, auf Dächern und in den schmalsten Baulücken.“

Ist das Wohnraum, wie wir ihn kennen, mit Küche, Schlafraum und Badezimmer?
Katrin de Louw: „Nein, ganz und gar nicht. Wohnen wird quasi neu erfunden – in Mikroapartments oder Tiny Houses. Auch entstehen viele neue Wohnprojekte, in denen Menschen zusammen leben, viele Räume gemeinsam nutzen. Die Bewohner überlegen gut, wofür sie eigenen Rückzugsraum benötigen, denn der ist sehr teuer. Wenn ich mir ein 2-Raum-Apartment leisten kann, teilt sich dieses in einen aktiven und einen passiven Teil. Ich sage auch gerne: in einen lauten und einen ruhigen Raum. Raumfunktionen verschmelzen und damit auch die Funktionen der Möbel. Es gibt also keine klassischen Wohnraum-, Küchen- oder Arbeitsmöbel mehr, wenn ich nur einen Raum habe, in dem ich Besuch empfange, koche und arbeite. Hier sind individuelle Lösungen gefordert, die multifunktional sind.“

Man kennt diese Mikroapartments, wo bis zur Decke Regale eingebaut sind, um überhaupt Stauraum zu generieren. Das ist so ganz und gar nichts für ältere Leute. Wie passt der Trend zusammen mit dem demografischen Wandel?
Katrin de Louw: „ Das ist eine absolut berechtigte Frage und eine große Herausforderung für die Einrichter von morgen. Mikroapartments müssen zukünftig auch altengerecht geplant werden. Wir dürfen nicht den Fehler machen und es als Wohnraum für junge Leute und Studenten abtun. Viele ältere Leute genießen es gerade, in einem 1-Personen-Haushalt zu leben und die Vorzüge der Städte, die gute Anbindung und Versorgungsmöglichkeiten zu nutzen.“

Was bedeutet das jetzt alles für den Möbelhandel?
Katrin de Louw: „Obwohl der Internetverkauf von Möbeln und Einrichtung weiter steigen wird, wächst der Bedarf an spezieller Beratung und individuellen Lösungen. Die Leute geben durchschnittlich mehr Geld pro Quadratmeter für die Einrichtung aus, denn der Platz muss optimal genutzt werden. Hier wird Service benötigt, bei der Planung, Lieferung und Montage. Aber „Einrichtung“ wird so auch immer mehr zum Thema der Architekten, denn die Lösungen werden oftmals schon beim Bau eingefordert durch den Bauherrn. Wenn die Industrie darauf reagieren kann und flexible Lösungen möglich macht, könnten Architekten auch verstärkt über den Handel bedient werden. Hinzu kommt, dass man weniger in Raumabgrenzungen denken darf und eine offene Struktur auch im Möbelhaus schaffen muss, die flexible und multifunktionale, raumübergreifende Einrichtung zeigen kann.“

Aber im Moment werden noch viele solitäre Möbel im Handel verkauft. Werden diese mit der Wohnraumverknappung dann auch kleiner?
Katrin de Louw: „Ja, in der Menge definitiv. In Europa sind rund ein Drittel aller Haushalte 1-Personen-Haushalte, in Paris sind es sogar 50 %. In Deutschland gibt es 16,8 Millionen Singlehaushalte. Das heißt, es gibt auch einen sehr großen Bedarf an 1-Personen-Möbeln und flexiblen Möbel-Ergänzungen, wenn Besuch kommt. In Räumen, die bei modernen Wohnprojekten gemeinschaftlich genutzt werden, passiert das Gegenteil: Es werden riesige Möbel benötigt, um viele Personen unterzubekommen, zum Beispiel bei Sofalandschaften oder Esstafeln. Wichtig ist auch die generationsübergreifende Funktion der Möbel. Wir brauchen Möbel und Einrichtungen, die von Personen jedes Alters gleichermaßen genutzt werden können – sogenanntes „Universal Design“.“