Dr. Barbara Perfahl im Interview

Beitrag von MÖBELMEILE

Wohnpsychologie ist eine recht neue Disziplin der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von menschlicher Psyche und der Einrichtung. Doch was haben Es und Über-Ich mit dem Zuhause zu tun? Eine Menge, wie Dr. Barbara Perfahl weiß. Wir haben mit der Wohnpsychologin der ersten Stunde gesprochen.
 

Dr. Barbara Perfahl – kein Zuhause ohne den Geist

„Was braucht ein Mensch, um sich in der Wohnung wohlzufühlen?“ Das ist die zentrale Frage der Wohnpsychologie. Die Psychologin Dr. Barbara Perfahl war eine der ersten, die sich dieses wichtigen Themas annahm. Seit 2009 berät sie Menschen bei der Gestaltung ihres Wohnraums, schreibt Ratgeber („Ein Zuhause für die Seele“) und bezeichnet sich heute als „Botschafterin“ für das Thema Wohnpsychologie, das ihrer Meinung nach immer noch viel zu wenig Beachtung findet: „In der Beziehung zwischen Mensch und Raum wird immer nur der Raum angeschaut, aber wie der Mensch funktioniert, wird recht wenig berücksichtigt“, sagt sie. Dabei gäbe es gewichtige Gründe, das Pferd genau andersherum aufzuzäumen: „Unsere Wohnung erfüllt wichtige Grundbedürfnisse, also muss sie zu unseren Bedürfnissen passen. Das Wohnumfeld ist die absolute Voraussetzung für psychische Gesundheit. Das macht dieses Thema so wichtig.“

Geist des Raums oder Geist des Menschen
Was macht ein Zuhause aus? In der römischen Mythologie meinte man mit dem „Genius Loci“ den Schutzgeist eines bestimmten Ortes. Heute ist es vielleicht kein Geist, der den Menschen in einem Raum beschützt, doch Schutz ist dennoch eine wichtige Funktion des Zuhauses: „Das Zuhause ist unser Heimathafen, die schützende Hülle. Dort können wir uns gegenüber der Umwelt abgrenzen.“ Ein Raum, der wirklich meiner ist, der perfekt zu meinen Bedürfnissen passt, in dem ich ich sein kann – das setzt vor allem eines voraus: Man muss seine Bedürfnisse kennen und wissen, wer man ist. Hier setzt die Arbeit von Dr. Barbara Perfahl an: „Ich überlege mir: Wie funktioniert der Mensch, welche Bedürfnisse hat er. Daran schließt sich die Frage an: Entspricht die Raumgestaltung den Bedürfnissen?“ Individualität hat zwar als ästhetische Dimension längst Einzug in die Möbelbranche gehalten, doch dass Individualität mehr ist als ein handgemachtes Designstück, wird häufig nicht bedacht. „Es gibt bestimmte, fest definierte Grundwohnbedürfnisse, die alle Menschen teilen: Rückzug, Sicherheit, Geselligkeit, Anerkennung, Ästhetik und Selbstverwirklichung. Doch innerhalb dieser Bedürfnisse unterscheiden sich die Menschen. Während das Bedürfnis nach Rückzug bei fast allen Menschen da ist, brauchen die einen mehr Raum für Sicherheit, die anderen für mehr Geselligkeit. Es ist am Ende immer eine Einzelfallbetrachtung: Wie sieht die Lebenssituation aus, welche charakterlichen Eigenschaften sind vorhanden?“

Welcher Wohntyp bin ich?
Am Anfang gilt es also herauszufinden, mit welchem Wohntypen man es zu tun hat. „Nehmen wir zum Beispiel das Thema Sicherheit. Ich frage meine Klienten, ob sie schlafen können, wenn die Wohnungstür nicht abgeschlossen, sondern nur angelehnt ist. Manche stört das, andere nicht, wieder andere brauchen zwei oder sogar drei Schlösser. Letztere brauchen dann auch blickdichte Vorhänge.“ Mit der finanziellen Situation hat das Thema übrigens kaum etwas zu tun. Glücklich zu wohnen sei weitgehend budgetunabhängig, so Dr. Barbara Perfahl. Das Problem sei nicht das Geld, sondern der falsche Fokus: Die Möbelindustrie und die Medien schaffen schöne Wohnbilder mit wunderschönen Wohnideen. So entstünden bei den Menschen Wohnideale, die aber nicht zwangsläufig mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmten.

Möbel als emotionale Bezugspunkte
Was mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmt, muss man im Prozess herausfinden. Struktur der Räume, Sicherheit, Gewichtung der verschiedenen Zonen – all das findet im zweiten Schritt statt. Welche Rolle spielen Möbel dabei? „Die sind total wichtig“, so Dr. Barbara Perfahl. „Zum einen müssen sie bestimmte Funktionen abbilden. Gleichzeitig strukturieren sie Räume, was für die Orientierung wichtig ist. Und der dritte Aspekt ist fast noch bedeutender: Sie sind ästhetisch und sie sind emotionale Bezugspunkte. Ein Gegenstand, der mir etwas bedeutet, zum Beispiel Opas Aktenschrank als Erbstück, bringt positive Emotionen in den Raum. Oder auch Möbel, die ich mir mal wirklich geleistet habe. Die haben einen anderen Stellenwert als rein funktionale Käufe.“

Menschen werden flexibler
Für Dr. Barbara Perfahl ist die Wohnpsychologie eine Herzensangelegenheit. Menschen dafür zu sensibilisieren, sich ein Zuhause zu schaffen, das wirklich zu ihnen passt, ist die Mission. Eine der sehr wenigen positiven Folgen der Corona-Pandemie ist, dass sich die Menschen stärker mit dem Zuhause auseinandersetzen. Spielt das ihrer Mission in die Hände? „Ja. Durch die Folgen der Corona-Situation bekommen die Schwächen der eigenen Wohnung und Einrichtung eine Dringlichkeit und ein Gewicht, über das man nicht mehr hinwegsehen kann. Und es sind zusätzliche Anforderungen entstanden. Plötzlich braucht jeder ein Homeoffice, der Spielbereich für die Kinder ist zu klein und so weiter. Man kann nicht mehr zeitlich, sondern muss räumlich trennen. Da macht man sich zwangsläufig Gedanken über die zentrale Frage: Passt die Wohnung zu meinen Bedürfnissen? Davon wird auch nach Corona etwas übrigbleiben.“ Die Menschen werden flexibler und nutzen ihre Möbel flexibler. Bücherregale werden zu Raumteilern, Esstische zum Arbeitsplatz. Und wenn man sich einmal Gedanken über die Lebensqualität in der Wohnung gemacht hat, wird man nicht wieder einen Schritt zurückgehen. Eins aber hat sich nicht verändert, nämlich das eine Wohlfühlmöbel, das jeder in seiner Wohnung haben sollte: „Ein Bett, in dem man wirklich gut schläft.“